„Habt Ihr gehört?“, fragte Frodo gerade die anderen. „Es kommt wieder einer.“

„Also ich hoffe mal, dass es nicht wieder so ein Welpe ist, sonst flippe ich langsam aus. Diese unruhigen, nervigen kleinen Kinder kann ich einfach nicht leiden“, sagte Aurelio genervt.

Er hasste Welpen.

„Wenn die so unruhig sind und immer umher hopsen, kann ich die auch nicht leiden, aber es waren auch ein paar dabei, die waren ganz lustig“, sagte Tavia.

„Ich will hier keine Fremden“, sagte Frodo. „Ist doch gut so wie es ist. Ich weiß nicht, warum FF immer neue Untermieter anschleppen muss. Wir sind doch schon genug.“

„Vergisst Du da nicht etwas, Herr Frodo?“, schaltete sich jetzt Teddy in das Gespräch ein. „Wenn FF nicht immer Hunde zur Pflege nehmen würde, dann wärst Du auch nicht hier gelandet.“

Frodo räusperte sich.

„Das kannst Du gar nicht damit vergleichen. Ich komme aus Rumänien und jetzt kommen dauernd Russen an.“

„Äh, Frodo, kann es sein, dass Du rassistisch bist?“, fragte Aurelio und schaute ihn ernst an.

„Ich und rassistisch, spinnst Du? Was für ein Blödsinn. Wir kommen doch alle aus verschiedenen Ländern, aber ich mag keine Pflegehunde. Sie sind anstrengend, wollen immer mit einem spielen, sind aufdringlich und…“

Da fiel ihm Aurelio ins Wort.

„Und sind einsame und verlorene Seelen, die ohne uns umkommen würden oder zumindest unter ganz schlechten Bedingungen leben müssten. Willst Du das?“

Frodo wurde blass und schaute auf den Boden.

„Nein, natürlich nicht. Eigentlich ist es mir egal, aus welchem Land sie kommen, aber dann beschäftigen sich FF und JF immer nur mit dem Neuen und haben kaum Zeit für uns.“

„Ach Frodo, Du bist doch nur etwas eifersüchtig“, sagte da Tavia. „Ich finde das auch nicht immer toll, aber wir haben eine Verantwortung gegenüber den armen Hündchen. Egal woher sie kommen, ob aus unserem Land oder aus dem Ausland.“

„Tavia“, sagte Aurelio, „gibst Du hier nicht ein bisschen an? Du bist doch noch eifersüchtiger als Frodo und zickst jeden Neuankömmling sofort an. Besonders wenn er in die Nähe der Couch kommt, wenn FF dort sitzt.“

„Ist doch gar nicht wahr“, sagte da Tavia entrüstet. „Ich muss ihnen doch Manieren beibringen. Sie wohnen hier immerhin bei mir…“

„Bei Dir“, echote da Frodo, „Du meinst bei uns. Gib es doch einfach zu, dass Du es auch nicht so toll findest.“

„Na ja, wenn der Besuch wieder weg ist, ist es auch okay, also eigentlich noch besser“, sagte Tavia langsam. „Ja, ich gebe es zu, ohne Pflegehund ist es schon angenehmer. Besonders anstrengend ist es, wenn die immer ins Haus machen und FF unten schlafen muss. Ich schlafe lieber in meinem Bett.“

„Hört auf, Leute, auch wenn ich die Welpen nicht mag, sollten wir die Pflegehunde trotzdem freundlich aufnehmen und es ihnen einigermaßen angenehm machen. Immerhin sind wir auch alle drei hier aufgenommen und sogar adoptiert worden. Also machen wir das Beste daraus und hoffen wir, dass wir nicht so einen Nervigen bekommen“, fasste Aurelio noch einmal zusammen.

„Ja, wenn der anstrengend ist, dann knurre ich so lange, bis der sich nicht mehr rührt“, sagte Frodo. „Der soll mich dann mal kennenlernen.“

„Ich sagte, wir sollen ihm freundlich entgegen sehen, nicht immer zicken“, sagte Aurelio. „Sonst schimpfen JF und FF wieder mit Dir.“

„Sag ich doch, sobald ein Neuer hier ist, sind die komisch zu mir“, sagte Frodo.

„Na ja, Dein Geknurre und Gezicke kann ja auch manchmal nerven“, sagte da Tavia ehrlich.

„Du musst das gerade sagen. Wer musste denn schon mal nach oben und dort bleiben, weil Du den Pflegehund angemacht hast?“, sagte Frodo entrüstet.

„Das war einmal und es war nicht wegen eines Pflegehundes, sondern wegen eines Missverständnisses zwischen FF und mir. War doch nicht der Rede wert“, sagte Tavia.

„Nicht der Rede wert. FF war stinksauer auf Dich“, antwortete Frodo. „Und es war nicht einmal, sondern dreimal.“

„Oh, Tavia, hast Du einen Einlauf von FF bekommen?“, sagte Teddy gehässig. „Geschieht Dir ganz recht. Das kommt davon, wenn man sich nicht benehmen kann.“

„Ich zeige Dir gleich, was Benehmen bedeutet, Du hässlicher Vogel“, antwortete Tavia mit ernster Stimme.

„Hört doch endlich auf damit“, schlichtete Aurelio. „Wartet doch erst einmal ab, wer da jetzt kommt. Ich bin mal gespannt.“

 

Ein paar Stunden später kam FF nach Hause mit einem vierbeinigen Gast. Alle drei standen an der Tür und schauten nur ungläubig drein.

„Der schon wieder“, kam es aus aller Munde.

„Ich dachte, der ist längst vermittelt“, sagte Tavia.

„Moin, Ray, was machst Du denn hier? Ich dachte, Du bist vermittelt?“, fragte ihn Aurelio.

„Das hat nicht geklappt. Leider“, sagte Ray traurig. „Ihr wisst doch, dass ich bei Männern manchmal etwas unsicher bin und dann pischere ich schon mal in die Wohnung und der Mann fand das total nervig und hat mich dann angeschrien. Das wurde dann noch schlimmer und dann hatten sie es aufgegeben. Ehrlich gesagt bin ich gar nicht so unglücklich. Zuletzt war es echt unangenehm dort und niemand lachte mehr mit mir.“

„Ach, Du armer Ray“, sagte da Tavia. „Das ist ja doof gelaufen. Na ja, Du kannst erst einmal bei uns bleiben. Nicht wahr, Leute?“

Damit schaute sie in die Runde. Alle nickten. Candice kam neugierig angelaufen.

„Wer bist Du denn?“, fragte sie neugierig.

„Ich heiße Ray und wer bist Du? Letztes Mal als ich hier war, warst Du noch nicht da.“

„Du warst schon mal hier? Warum bist Du denn gegangen? Das ist doch total lustig hier“, plapperte sie drauflos.

„Ich war doch nur zur Pflege hier“, antwortete er ihr. „Ich wäre gerne geblieben, aber Euer Frauchen meinte, dass sie schon drei Hunde hätte und ein vierter zu viel sei. Leider. Mir gefällt es hier auch sehr gut.“

„Tja, Ray, mach Dir mal keinen Kopf. FF findet schon eine tolle Familie für Dich. Hat sie bisher immer gefunden. Schade, dass es mit Deiner Familie nicht geklappt hat. Dafür helfen wir Dir jetzt und gemeinsam mit FF finden wir die ultimative Familie für Dich. Versprochen!“, sagte Aurelio und klopfte ihm auf die Schulter.

„Toll! Danke Euch sehr“, sagte er glücklich und es machte den Anschein, als ob er gleich weinen würde.

„Jetzt nicht weinen, Alter, sonst werde ich noch sentimental“, sagte da Frodo und brummelte noch etwas im Weggehen.

Alle grinsten.

„Komm, Ray, wir spielen was zusammen. Ich laufe weg und Du musst mich finden“, sagte Candice und schon war sie verschwunden.

„Die ist ja echt süß, die Kleine. Die mag ich“, sagte Ray.

„Denk dran, Ray, wir sind Hunde und das ist eine Katze“, sagte da Tavia. „Wir freunden uns nicht mit Katzen an. Das wäre unter unserem Niveau.“

„Hör nicht auf sie, Ray“, sagte Aurelio. „Manchmal spinnt Tavia etwas. Dabei hat sie selbst schon mit Candice gekuschelt, aber, pst, nicht weitersagen.“

„Stimmt doch gar nicht“, sagte Tavia erzürnt.

„Ja, ja, ich weiß“, lachte Aurelio, ging ebenfalls ins Wohnzimmer und legte sich auf die Couch. Das war genug Aufregung. Jetzt musste er sich erst einmal ausruhen.

 

Tags darauf gingen sie beim Spazierengehen auf die Wiese und Ray traf seine alten Freunde wieder.

„Hey, Ray“, sagte Amira, „wo kommst Du denn her? Machst Du hier Urlaub?“

„Nee, leider nicht. Bin wieder auf der Suche nach einer Familie für mich“, sagte er traurig.

„Ach, Du armer Kerl. Hast aber auch immer Pech. Na, Du weißt doch, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Das wird schon. Steck den Kopf mal nicht in den Sand“, sagte Amira aufmunternd.

„Klar, Du findest schon Deine Familie, glaub mir. Schau uns an. Wir haben auch unsere tollen Familien gefunden. Das wäre doch gelacht, wenn es bei Dir nicht klappen sollte. Bei so einem netten Jungen“, sagte Jeanny zu ihm.

„Vielen Dank Euch allen. Das ist echt nett von Euch.“

Ray wurde richtig rot im Gesicht und drehte sich weg.

„Wer ist denn die hübsche Maus da?“, fragte er.

„Das ist Koira, meine neue Schwester“, sagte Jeanny stolz.

Koira kam langsam heran.

„Na, Alter, wer bist Du denn und wenn Du mich anmachen willst, dann gibt es Ärger“, sagte Koira.

„Wie bist Du denn drauf? Ich wollte doch nur hallo sagen“, sagte Ray vorsichtig und wich einen Schritt zurück.

„Alles klar, Du scheinst in Ordnung zu sein. Ich bin am Anfang immer etwas laut. Ich bin da immer etwas unsicher bei Fremden und dann blöke ich sie gleich mal an, damit sie das nicht merken. Weißt Du…“, sagte Koira.

„Ach so, alles klar. Das kenne ich. Habe ich auch schon gemacht, aber auch schon einen auf den Deckel bekommen. Damit bin ich jetzt vorsichtiger“, sagte Ray.

„Echt?“, fragte Koira. „Bei mir hat es immer gut funktioniert. Ich werde aber aufpassen.“

„Sag mal“, flüsterte Ray Koira ins Ohr, „wer ist denn die kleine Maus dahinten? Sieht niedlich aus.“

„Oh, das ist Anni. Die ist auch neu und auch noch nicht lange hier“, antwortete Koira.

„Aha“, sagte Ray. „Die hat aber Feuer im Hintern.“

„Das kannst Du laut sagen, nech, Tavia“, rief Koira Tavia zu.

„Aber hallo, die bekommst Du nicht klein. Werfe mich dauernd auf sie und will ihr klar machen, dass ich hier Chef bin. Sie will es einfach nicht akzeptieren“, sagte Tavia.

„Kein Wunder“, lachte Jeanny. „Du bist ja auch nicht Chef hier, denn wir alle sind Chefs. Das vergisst Du nur leider immer mal wieder.“

„Ach was, die ist einfach anstrengend“, sagte Tavia.

„Du bist aber auch nicht gerade einfach“, sagte da Koira. „Wir hatten uns auch schon mal gefetzt, weißt Du noch?“

„Kann mich gar nicht dran erinnern“, sagte Tavia und schüttelte den Kopf.

„Du willst Dich nicht dran erinnern, Tavia“, sagte Amira schmunzelnd.

Da kam Anni angelaufen.

„Moin, Leute, gibt es hier etwas umsonst?“, fragte Anni.

„Nö, nichts umsonst, aber Ray ist wieder zurück“, sagte Woody und zeigte auf Ray.

„Wer ist Ray?“, fragte Anni und schaute umher.

„Das bin ich“, sagte Ray und zeigte auf seine Brust.

„Ach, Du. Bist Du neu hier und kommst Du häufiger?“, fragte sie, aber ohne eine Antwort abzuwarten, rannte sie schon wieder weg.

„Ist die immer so?“, fragte Ray.

„Ja“, sagte Koira, „die ist immer so. Immer in action. Aber sie ist total in Ordnung.“

„Glaube ich“, sagte Ray. „Der muss ich mal auf den Zahn fühlen.“

„Pass bloß auf, dass Du Dir nicht die Finger verbrennst“, sagte Woody. „Die sieht klein und niedlich aus, hat es aber faustdick hinter den Ohren.“

„Ich pass schon auf“, sagte Ray und versuchte Anni anzubaggern, was ihm aber irgendwie nicht gelingen wollte.

 

Nach drei Tagen rief eine tolle Frau an, die Ray kennenlernen wollte. Beim Kennenlernen und dem Spaziergang hatte sie sich in ihn verliebt. Sie kannte seine komplette Vorgeschichte und hatte auch keine Probleme mit seinen kleinen Unsicherheiten bei Männern, denn ihr Mann war verstorben und sie lebte seitdem alleine. Zwei Tage danach kam auch die Familie der Interessentin und lernte Ray kennen und auch lieben. Es war perfekt.

„Mensch, Ray, Du hast den 6er im Lotto gewonnen. Dein neues Frauchen ist ja total nett und sie hat sich wirklich schon in Dich verliebt“, sagte Aurelio freundlich. „Was habe ich Dir gesagt? Du wirst schon Deine Familie finden.“

„Ich bin auch schon ganz aufgeregt“, sagte Ray. „Was ist, wenn ich mal in die Wohnung pischere? Hoffentlich wird sie nicht ärgerlich werden.“

„Ach was, Du hast sie doch gehört und wir auch. Das Küchenfenster war offen und wir konnten alles mit anhören“, sagte Tavia sicher. „Die ist total super klasse und meinte doch nur, dass das alles kein Problem sei. Das könne man doch wegwischen und der Sohn ist doch total lieb zu Dir gewesen. Da kannst Du gar nichts falsch machen. Die würde Dich immer lieben. Sie hat jetzt Dich und Du hast dann sie. Ganz toll ist, dass sie mit Dir in die Hundeschule geht. Da lernst Du andere Kumpels kennen. Suuper genial.“

„Ich bin ja schon so aufgeregt“, sagte Ray. „Hoffentlich kann ich heute Nacht schlafen.“

„Bestimmt! Morgen beginnt Dein neues Leben“, sagte Frodo.

„Ach, ich bin ja so glücklich. Aber schade, dass ich schon wieder von Euch weg muss. Es war wieder ganz toll bei Euch“, sagte Ray.

„Wir fanden es auch schön mit Dir“, sagte Aurelio, „aber Du brauchst Deine eigene Familie.“

„Ja, und jetzt habe ich sie endlich gefunden. Was für ein schöner Tag morgen sein wird. Ab morgen wird sich für mich alles verändern.“

 

Mit diesen Worten schlief Ray ein und am nächsten Morgen verabschiedete sich Ray von den anderen. Eine letzte Umarmung und ein letztes Mal Candice ablecken und dann ging es auf in die große neue tolle Welt mit seinem Frauchen. Es war der schönste Tag in seinem Leben und es sollte erst der erste Tag sein. Weitere folgten, denn dieses Mal, nachdem er eine Odyssee durchmachen musste, hatte er endlich sein Glück gefunden und sein Frauchen hatte mit ihm ihr Glück gefunden…

 

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